Castorf, der Menschenfänger

Und dann war er einfach weg: Eine Woche bevor Intendant Frank Castorf die Türen endgültig hinter sich zumacht, hob am Samstag ein Kran den OST-Schriftzug vom Dach der Volksbühne. Nun ist es auch von außen sichtbar: Hier übernimmt sehr bald ein anderer. Ein persönlicher Blick auf die letzten Tage der Ära Castorf von Maud Hennequin.

Was hier zuletzt los war, kann wohl am besten mit den Worten „Die Ratten betreten das sinkende Schiff“ beschrieben werden. Oder ist es doch „Jedem Ende wohnt ein Zauber inne“?

Blick auf die Berliner Volksbühne.

Da ziert er noch das Dach der Volksbühne: der OST-Schriftzug. Auch das Räuberrad wird bald abmontiert und damit der Beginn eines neuen Zeitalters markiert.

Auf empirische Studien kann ich nicht zurückgreifen, aber ich bin sicher: So voll wie in den letzten Wochen und Tagen der Ära Castorf war die Volksbühne noch nie. Der sieben(!)stündige „Faust“ binnen Minuten ausverkauft, der Merchandise-Stand im unteren Foyer schwarz vor Menschen, die schon jetzt kultgewordenen LSD-Shirts in Frakturschrift („Krise“, „Glamour“) in den Modeblogs der Stadt – all das sind Symptome einer rauschenden Ballnacht, die nun dem Sonnenaufgang entgegenstirbt.

Ausnehmen will ich mich von dem Ganzen nicht.

Zur Erläuterung: Meine erste Castorf-Inszenierung war 2012 „Der Geizige“. Meiner Liebe zum Stück stellte Castorf seine zur Dekonstruktion und Infantilität entgegen – letztere ausgelebt in permanenter Skatologie, sowohl in Wort als auch in Tat. Ich war darauf nicht vorbereitet, musste das Ganze aus Reihe eins durchstehen und entschied mich zum ersten Mal in meinem Leben in der Pause den Rückzug anzutreten. Zu erschreckend war nach zweieinhalb Stunden die Perspektive auf eine weitere Halbzeit.

 

All das sind Symptome einer rauschenden Ballnacht, die nun dem Sonnenaufgang entgegenstirbt.

 

Ob es das anderweitige Angebot war, oder die geheime Angst vor einer Wiederholung des Traumas, weiß ich nicht genau. Fortan jedenfalls mied ich Franks Marathonsitzungen. Pollesch, Marthaler und Kuttner hingegen konnte ich immer viel abgewinnen, darum war ich in den heiligen Hallen am Luxemburgplatz nach wie vor regelmäßiger Gast.

Wunsch nach Erneuerung? Majestätsbeleidung!

Dann kam der Wendepunkt. Überraschender noch als die Nachricht vom Vertragsende des Großmeisters war das darauffolgende Aufbegehren. Warum nach knapp 25 Jahren Intendanz ein solcher Aufschrei samt Hexenjagd auf den designierten Nachfolger stattfand, war mir ein Rätsel und stachelte meine Neugierde an. Irgendwas muss er doch haben, der Castorf, dass das komplette Haus sich so geschlossen und energisch hinter ihn stellt. Und dass, obwohl er die für seine Zunft übliche Laufzeit schon um Dekaden überlebt hat? Wieso gilt das, was andernorts als (manchmal schmerzlicher) Konsens gegen Stillstand und für Erneuerung anerkannt ist, hier plötzlich als Majestätsbeleidigung?

Inzwischen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Castorf ein Menschenfänger sein muss. Schon von Dimiter Gotscheff kannte man Ähnliches: Er war umgeben von seiner künstlerischen „Familie“, einem Clan, der für den Anführer durchs Feuer gehen würde, und es wahrscheinlich auch tat. In einem Interview sagt der große Georg Friedrich über die Zusammenarbeit, Castorf habe ihn zu Beginn gefragt, was er brauche, um gut arbeiten zu können. Die Antwort: „Vertrauen und Sicherheit“. Der Regisseur habe ihn kein einziges Mal angebrüllt – wohlwissend, dass sich Friedrich unter Druck komplett verwehrt. Es scheint, als wisse Castorf genauestens, wie er mit wem umzugehen hat, um seine Leute zu Bestleistungen anzutreiben.

Vielleicht ist es das Eingehen auf den Einzelnen, bei aller vordergründigen Rohheit. Die Sensibilität, genau zu wissen, wie weit er gehen kann, um „seine“ Menschen bis zum jeweils Äußersten zu treiben – was nicht als Qual, sondern als künstlerischer Befreiungsschlag empfunden wird. Sie danken es ihm mit einer Loyalität, die selbst das heilige Gebot der Kunst übersteigt: das des Nicht-Stillstandes.

Man muss bereit sein, den Ritt auf sich wirken zu lassen

Seine Inszenierungen habe ich mögen gelernt. Doch muss ich dazu im Castorf-Modus sein. Bereit, den Ritt auf mich wirken zu lassen, und akzeptieren, dass ich nur selten den Querverweisen folgen kann. Loslassen also. Es ist ein Aussteigen aus der Zeit. Ich begebe mich in ein ganz eigenes – das Castorf’sche – Universum. Und wenn ich mich der ein paar Stunden dauernden Entschleunigung hingebe, kann ich womöglich an ihr wachsen.

Das kann natürlich nur mit großartigen Schauspielern funktionieren und auch die hohe Kunst der richtigen Besetzung beherrscht Castorf. Ganz so wie die des Kameraeinsatzes in geschlossenen Räumen innerhalb des Bühnenbildes. Das Publikum soll ja, wenn auch indirekt, mitbekommen was hinter den Kulissen passiert. Dieses Mittel wurde im Übrigen durch den plötzlich verstorbenen Bert Neumann ins Leben gerufen, nebst den Plänen zum aktuellen Zuschauerraum und oben genannter Frakturschrift. Kann man mögen, muss man nicht.

Auch gerne eingesetzt auf Castorf’schen Bühnen: die nackte Frau. Dass ihm dabei Sexismus vorgeworfen wird, weil diese Freizügigkeit bei den Männern des Ensembles selten sichtbar ist, interessiert den Großmeister wenig. Im Gegenteil: Es schürt den ironischen Umgang mit der Thematik. Jedenfalls nimmt auch dieses Stilmittel verdächtig zu. Nun denn…

Und doch frage ich mich manchmal, wie viel das Publikum inhaltlich wahrnimmt. Ich verzichte mittlerweile einfach darauf, das Bühnengeschehen übermäßig zu hinterfragen – und bin nicht mehr so überfordert und frustriert wie zu Beginn.

Wer nicht dabei war, gehört nicht dazu

Kürzlich erschien bei Zeit online ein wundervoller Artikel des Autors Robin Detje. Darin wird unter anderem die Frage gestellt, ob der westdeutsche Zuschauer das Recht hat, das aktuelle Geschehen zu hinterfragen und den Volksbühnengedanken samt Historie überhaupt verstehen kann. Es schwebt immer mit, dieses unausgesprochene „Ihr wisst ja nicht wie das damals zu Ostzeiten war.“ Stimmt. Und es dürfte für das halbe Ensemble gelten. Soll es mir deshalb verwehrt sein (mithilfe des Hauses!) dem Zeitgefühl von damals näher zu kommen oder Heiner Müller zu lesen?

Überhaupt scheint das Feiern vergangener, harter Zeiten ein fester Bestandteil der Volksbühnen-Identität zu sein. Wer nicht dabei war, damals in den Glanzzeiten, wird nur schwer Zutritt finden – und als zahlender Besucher bestenfalls geduldet. Eine Ambivalenz, die sich in vielen Bereichen zeigt: Tatsächlich reagieren Castorf, Kuttner & Co. auf den – auch jenseits der Teilungsproblematik äußerst präsenten – Vorwurf, das Medium entfremde sich zunehmend vom Alltag des Otto-Normalzuschauers eher lautstark-pubertär und zugleich nach Vogelstrauß-Manier. Dass der Fabrikarbeiter nach seinem Tagewerk eher die leichtere Unterhaltung der Ku’damm-Bühnen vorzieht, als die siebenstündigen Epen der staatlich geförderten Volksbühne, wird geräuschvoll beiseite gewischt.

Castorf muss man sich erkämpfen, ihr Yuppies!

Die Faszination bleibt und das Rätsel des umwerfenden Erfolgs weitestgehend ungelöst . Jeder Versuch des mentalen Auseinandersetzens mit der Castorf’schen Volksbühnenpsychologie scheitert und will sogleich weitererforscht werden. Jede der wenigen restlichen Vorstellungen birgt das Versprechen, den Schleier etwas zu lüften. Noch ist es nicht passiert, aber auch das Mysteriöse wirkt äußerst anziehend, gerade für mich Nachwendefrankreichkind.

Oh, und die Yuppies, die jetzt gerade die Volksbühne für sich entdecken? Verschwinden tatsächlich meist nach zwei Stunden und ein paar Instagram-Videos. Castorf muss man sich tatsächlich erkämpfen, physisch und mental. Und vielleicht ist auch das ein Grund für die übermäßige Wehmut: Ich habe ihn gebändigt und nun muss ich ihn ziehen lassen.

Für die kommende Spielzeit hat Castorf Arbeiten am neuen Berliner Ensemble angekündigt. Ob der Ort die Magie trägt? Vielleicht aber muss ich mir den Castorf erneut erkämpfen und einen neuen, zauberhaften Anfang ertragen.

Beitragsbilder: Maud Hennequin

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