Schöne Sch…

Als Mensch, der sich anschickt, „professionell“ über Theater zu schreiben, werde ich manchmal sehr nervös. Klar, werden wir ja alle mal. Aber die Art von Nervosität, um die es in diesem Text gehen soll, solange er noch einen roten Faden hat, ist eine ganz bestimmte. Es geht um die Nervosität, die sich mitunter in einer Vorstellung einstellt. Dies tut sie im Übrigen dann besonders gern, wenn die betreffende Inszenierung zum Theatertreffen eingeladen ist. Und das ist schließlich (sorry für den ausgelutschten Vergleich) so etwas wie die Champions League. Nicht dass ich viel Ahnung von Fußball hätte, aber was ich sagen will, ist: Wer da dabei ist, ist gut. Richtig gut.

Als Mensch, der sich anschickt, „professionell“ über Theater zu schreiben, verspüre ich dann schon so einen gewissen Druck. Die Jury hat sich immerhin ein Jahr lang richtig doll Mühe gegeben, die Stücke zu finden, die man mal gesehen haben sollte. Meistens weil die entweder besonders innovativ sind oder von bedeutender gesellschaftlicher Tragweite. Oder beides.

Wenn ich dann aber in der Vorstellung sitze und die ganze Zeit nur „What the fuck?!“ denken kann, weiß ich: Jop, Grenze der intellektuellen Reflexionsfähigkeit erreicht. Auf die Idee, dass das Stück vielleicht einfach nur Mist ist, komme ich nicht. Das heißt, komme ich schon irgendwie, aber das kann ich dann ja nicht einfach so aufschreiben. Und überhaupt: Die Jury, das ist ja nicht einfach irgendwer. Die Jury hat Ahnung. Kann also nur an einem selbst liegen. Shit.

Letzte Hoffnung Nachgespräch

Zuschauer, die sich hingegen nicht anschicken, „professionell“ über Theater zu schreiben, haben es da erheblich leichter. Die Dame, die in der Vorstellung von „89/90“ vom Schauspiel Leipzig zu meiner Linken saß, ist in der Pause einfach gegangen, nachdem sie eineinhalb Stunden ziemlich schwer geatmet und ansonsten keine Miene verzogen hat. Der amerikanische Austauschstudent zu meiner Rechten hingegen konnte nicht einfach gehen. Er hatte ein „Paper“ über den Abend zu verfassen und ließ sich zu einer lautstarken Entrüstung über dieses „fucking contemporary theatre“ hinreißen. Zum Glück sei da ja noch das Nachgespräch, hörte ich ihn zu seinem Nachbarn zur Rechten sagen, sonst wüsste er gar nicht, was er schreiben solle. „I hear ya, brother“ dachte ich da nur.

89/90 Trailer from Schauspiel Leipzig on Vimeo.

„89/90“ ist, wie die Regisseurin Claudia Bauer weitere eineinhalb Stunden später im Publikumsgespräch sagte, eine „Stückentwicklung“. Klasse, dachte ich mir da und entwickelte den Gedanken an eine „Kritikentwicklung“. Diese wäre dann in einem Dialog mit meinem (wie passend!) inneren Kritiker ausgeufert, trüge den Titel „Letzte Hoffnung Nachgespräch“ und läse sich in etwa so:

Ich: So. (seufzt). Ööhm. Also, was hatten wir denn da?

Der innere Kritiker: Wir? Wer ist denn wir?

Ich: Na, das sagt man doch so. Das ist so eine Redewendung.

Der innere Kritiker: Aha.

Ich (schweigt)

Der innere Kritiker: Ja, und?

Ich: Da war ein Chor auf der Bühne, der hat lustig gesungen.

Der innere Kritiker: Lustig? Also bitte! Was ist denn lustig für ein dummes, blasses Wort? Und du schickst dich an, professionell über Theater zu schreiben?

Ich: Naja, man kann das eben schwer beschreiben.

Der innere Kritiker: Worum ging es denn?

Ich: Um Wende. Also die. Nicht die Mehrzahl von Wand.

Der innere Kritiker: Haha, ein Wortspiel. Lustig!

Ich: Jetzt hast du lustig gesagt.

Der innere Kritiker: Entschuldigung.

Ich: Du musst von den Bananen das Gelbe abmachen, dann schmecken die ganz gut.

Der innere Kritiker: HAHAHAHA. HAAARRRR.

Ich: Was brüllst du denn so?

Der innere Kritiker: ICH BRÜLLE DOCH GAR NIIIIIIII…HIIII…CH…T! (mit besonderer Betonung auf dem T am Ende)

Ich: Ach so.

Der innere Kritiker: Na, worum ging’s denn jetzt?

Ich: Um die DDR. Die BRD. 89/90.

Der innere Kritiker: Heißt das nicht 90/60/90?

Ich: Nein, Mann. Die Jahre!

Der innere Kritiker: Boah. Das’ lange her. War ich grad mal geboren.

Ich: Aber das mit dem Arbeitgeber war gut.

Der innere Kritiker: Wäh?!

Ich: Ja, Mann. Das hat Sinn gemacht.

Der innere Kritiker: Wäh?!

Ich: Warum heißt der Arbeitgeber Arbeitgeber, wenn er doch eigentlich die Arbeit nimmt?

Der innere Kritiker: Ich verstehe diese ganzen Bezüge nicht.

Ich: Ficken! Fressen! Fernsehen!

Der innere Kritiker: Was fuchtelst du denn so?

Ich: Ich untermauere.

Der innere Kritiker: Ich dachte die ist weg, die Mauer.

Naja. Wie man merkt, führte dieser Versuch einer „Kritikentwicklung“ zu nichts. Von der engen Bindung, die meine Stirn mit der Tischplatte einging, mal abgesehen. Also habe ich es drangegeben, wie man so schön sagt. Äußerst unprofessionell, I know. Sorry.

Now to something completely different.

Gut eine Woche später. Immer noch Theatertreffen, diesmal: Volksbühne. Die Nervosität und der innere Kritiker sind zu Hause geblieben. Denn „Pfusch“ von Herbert Fritsch ist ausdrücklich sinnfrei. Nix zu verstehen, nix zu deuten. Nur gucken und amüsieren, herrlich!

Ich habe wieder ein paar Mal „What the fuck?!“ gedacht, aber diesmal war es das wtf, bei dem man breit grinst und neugierig den Hals reckt. Nicht das andere, bei dem man im Theatersessel nach unten rutscht und den in die Hand gestützten Kopf schüttelt.

PFUSCH TRAILER from Volksbühne Berlin on Vimeo.

Eine Handlung gibt es nicht, die ich jetzt an dieser Stelle beschreiben könnte. Einen Text eigentlich auch nicht wirklich (Straußen werden übrigens bis zu zwei Metern!). Trotzdem passiert eine ganze Menge: Es wird in einer Riesenröhre herumgetippelt und darauf herumgeturnt, es wird – anders als der Titel vermuten ließe mit erstaunlicher Präzision – auf zehn normale und ein sehr sehr kleines Klavier eingedroschen sowie exzessiv in Schaumgummi-Wasser gebadet. All das ist (Friss Staub, innerer Kritiker!) wahnsinnig lustig. Zwischendurch rufen sie: „Schön!“ Und dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

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