Die Druckerpresse für jeden

So, nun also mal Butter bei die Fische. Mein Blog ist nun bereits sieben Monate alt und 14 Beiträge stark. In der Zwischenzeit habe ich meinen Master in Kultur- und Medienmanagement beendet und meine Arbeit bei dem Kulturbewertungsportal livekritik.de begonnen. Die hehren Ziele, die ich mir mit diesem Blog gesetzt habe, habe ich jedoch noch nicht erreicht. Zeit also, Vollgas zu geben und in medias res zu gehen, wie einer meiner Lieblingsdozenten am IKM zu sagen pflegte.

Heute ist es das Internet, das die Gesellschaft atomisiert. Das Netz ist die Druckerpresse für jeden.

Dieses Zitat stammt von dem Internetguru und Journalisten Jeff Jarvis und ich finde es so dermaßen klug und bedeutend, dass es seit geraumer Zeit mein Twitterprofil ziert. Tatsächlich hat das Internet, respektive das World Wide Web, Veränderungen mit sich gebracht, die so weitreichende Folgen für unsere Gesellschaft haben, wie zuletzt Gutenbergs Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern. Wer mehr zu diesem Gedanken von Jeff Jarvis lesen möchte, dem empfehle ich sein Buch „Mehr Transparenz wagen! Wie Facebook, Twitter und Co. die Welt  erneuern.“ (Quadriga Verlag, Berlin, 2012)

Damals wie heute schaffen neue Werkzeuge neuen Akteuren neue Möglichkeiten, öffentlich zu handeln und damit neue Öffentlichkeiten zu schaffen. Institutionen, die große Macht hatten – damals Kirche und König, heute die Medien, Konzerne und Regierungen – stellen fest, dass ihre eigenen Gläubigen, Untertanen, Wähler und Kunden sie aufscheuchen. Unsere heutigen Werkzeuge tragen auffallend niedliche Namen wie Google, Blogger, Twitter, YouTube oder Flickr, richten jedoch genauso viel Chaos in der Kultur an wie ehedem die Druckerpresse, das Porträt, das gedruckte Lied, die Schiffe der großen Entdecker, der plötzlich runde Erdball und die neuen Marktplätze. Sowohl in der Renaissance als auch im Zeitalter des Internets sieht man die Möglichkeit, aus den alten intellektuellen und territorialen Grenzen auszubrechen (…).

Härter noch als Regierungen und Konzerne trifft die Transformation traditionelle Medienunternehmen, allen voran die Zeitungsverleger. Für die „alte Tante“ Zeitung bedeutet das neue Mediennutzungsverhalten, das mit dem Internet einhergeht, die Herausforderung schlechthin. Endgegner sozusagen. Wege in die Zukunft werden holprig begangen, eine Antwort auf die vielen Fragen kennt niemand.

Am deutlichsten spürbar sind die ökonomischen Veränderungen. Werbekunden und Leser wandern ins Internet ab — dorthin, wo viele Medien ihre Inhalte ohne Geschäftsmodell zur Verfügung stellen. Es muss sich also etwas ändern. Claudia Mast schreibt in ihrem Buch „Zeitungsjournalismus im Internetzeitalter. Umfragen und Analysen.“ (Lit Verlag, Berlin, 2011):

Gesucht wird die künftige publizistische Geschäftsidee für das Medium Zeitung. Das ursprüngliche Modell entstand in einer Zeit, in der die Menschen unterversorgt waren mit Nachrichten über das Geschehen in der Welt, Meinungs- bzw. Pressefreiheit als politische Rahmenbedingung erkämpft werden musste und die tägliche Erscheinungsweise – die Tagesaktualität – dem Pulsschlag der Gesellschaften gleichkam. (…) Aber das reine Interesse an Nachrichten geht bei den Lesern von Generation zu Generation zurück. Vor allem junge Menschen wenden sich vom sog. ‚Qualitätsjournalismus’ ab und anderen Mitteilungsformen zu.

In diesem Blog soll jedoch nicht die x-te Finanzierungsdebatte der traditionellen Massenmedien geführt werden. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die grundlegenden Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt — eben nicht nur für die Massenmedien, sondern gleichermaßen auch für den Kulturbereich und jeden einzelnen Bürger, Kunden oder Zuschauer.

Meine Herangehensweise

Meine Masterarbeit habe ich mit einer Heranführung an den Gegenstand begonnen. Darin habe ich zunächst grundlegende Begriffe eingeführt, um darauf aufbauend die Transformationsprozesse der Digitalisierung genau benennen und Rückschlüsse daraus ziehen zu können. Die Ergebnisse dieser Heranführung möchte ich in einem Glossar aufbereiten.

Einen besonderen Fokus möchte ich auf Kultur und Kulturjournalismus legen. Im Zentrum meiner Betrachtungen liegt das klassische Rezensionsfeuilleton deutscher Tageszeitungen, das ich neuen digitalen Formen des Kulturjournalismus gegenüber stelle. Dies hat vor allem zwei Gründe. Erstens: Die Tageszeitung ist das am stärksten vom Wandel betroffene Massenmedium. Dazu Christoph Neuberger in seinem Aufsatz „Internet, Journalismus und Öffentlichkeit. Analyse des Medienumbruchs.„:

Verdrängungseffekte des Internets lassen sich in Deutschland bislang besonders für die Tageszeitungen nachweisen: In den letzten zehn Jahren haben sie nicht nur Anzeigenverluste hinnehmen müssen, inzwischen lässt sich auch eine Abwanderung der Zeitungsleser empirisch nachweisen. Bei Fernsehen und Hörfunk ließ sich eine solche Verdrängung bei der Quantität des Konsums bisher nicht erkennen.

Zweitens: Die Tageszeitung ist der Stammplatz der Theaterkritik. Vasco Boenisch schreibt dazu in seiner Studie „Krise der Kritik? Was Theaterkritiker denken – und ihre Leser erwarten.“ (Verlag Theater der Zeit, Berlin, 2008):

In Deutschland kann man wohl auch ohne empirische Zahlen feststellen, dass Theaterrezensionen in erster Linie ein Produkt der Presse, vor allem aber der Tagespresse sind (…).

Das liegt schon alleine in den Ursprüngen der Theaterkritik begründet. Wie sich in weiteren Beiträgen zeigen wird, waren es die Tageszeitungen und Zeitschriften, in denen sich die Theaterkritik manifestierte. Der Kulturjournalismus im Radio und Fernsehen bleibt diesbezüglich hinter der Presse zurück. Denn dort wo beispielsweise Theater im (öffentlich-rechtlichen) Rundfunk besprochen wird, greift man lieber auf Portraits oder andere Alternativen zur Kritik zurück.

Meine These

Im Anschluss daran möchte ich der titelgebenden Frage meiner Masterarbeit nachgehen: „Das Volk, der Kritiker?“ Meine These ist, dass sich der Stellenwert des Zeitungskritikers verschlechtert. Ich will zeigen, dass die Theaterkritik im Laufe ihres Bestehens erheblich an Relevanz eingebüßt hat und sich durch Leser- bzw. Publikumsferne auszeichnet. Der rezensierende Rezipient hingegen scheint im Zuge der Digitalisierung umso mehr an Bedeutung hinzu zu gewinnen.

Verändert sich der Kulturjournalismus, so müssen auch die Kulturinstitutionen und ihre Kommunikationsabteilungen darauf reagieren. Die Konsequenzen und Chancen, die sich aus dem Wandel für die Theater ergeben, möchte ich zum Schluss aufzeigen.

Viel zu tun also!

Ich freue mich über Begleiter auf diesem Weg und über Feedback.


Zitate:
Jeff Jarvis — S. 22
Claudia Mast — S. 35
Christoph Neuberger — S. 31f
Vasco Boenisch — S. 23


 

Beitragsbild: pixabay.com/tiffanytlcbm

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