Entertaining Mr. Sloane

Einer von vielen durchaus genialen Regieeinfällen Nurkan Erpulats ist es, Entertaining Mr. Sloane am Berliner Maxim Gorki Theater zu früh beginnen zu lassen. Als sich die Türen für die Zuschauer öffnen, sitzen die Schauspieler schwatzend mit baumelnden Beinen auf der Bühne und machen sich zurecht. Selbst das Bühnenbild wird noch flugs zu Ende gebaut. Somit wird gleich zu Anfang klar: Was heute hier passiert, ist Show, ist Entertainment. Und alle sollen es wissen!

Die nach Liebe und Anerkennung lechzende Nymphomanin Kathy (Mareike Beykirch) lebt mit ihrem schwulen und nicht weniger lechzenden Bruder Ed (Aleksandar Radenković) sowie dem kauzigen Vater Kemp (Thomas Wodianka) in einem 60er-Jahre-Kleinbürgeridyll samt Makro-Flokati und Gartenzwergarmee. In diese kleine vermeintlich heile Welt platzt Mr. Sloane als Untermieter. Er ist gutaussehend, smart und ebenso wandlungs- und anpassungsfähig, wie die riesige weiße Schrankwand, hinter deren zwei Dutzend Türen nach Lust und Laune Dinge, Personen und ganze Kulissen verschwinden bzw. auftauchen können (Bühne: Magda Willi).

Unter den Verrückten der Normale

Sowohl die verhuschte Kathy als auch der verklemmte Ed sind sichtlich von dem Schönling angetan und wollen ihm alsbald ans Leder. Der schrullige Alte Kemp jedoch misstraut dem Fremden (von Erpulat mit dem Ensemble-Neuzugang Jerry Hoffmann besetzt, der ghanaische Wurzeln hat) und sticht ihn beinahe mit der Gabel ab. Der hübsche Mr. Sloane, so scheint es, ist unter den Verrückten der Normale. Doch es gefällt ihm in dem Kleinbürgeridyll und er versteht es, die Menschen in ihm das sehen zu lassen, was sie sehen möchten.

Als Entertaining Mr. Sloane vor 50 Jahren in London uraufgeführt wurde, war es ein richtiges Aufregerstück; der Verfall von Sitte und Moral wurde befürchtet. Sie sei angeekelt von dieser Parade geistiger und physischer Perversion, schrieb eine Dame namens Edna Welthorpe damals an den Daily Telegraph. „Dass man uns einreden will, solch widerwärtiger Dreck gelte heutzutage als Humor!“ Unter diesem und weiteren Pseudonymen hatte der schwule Autor Joe Orten selbst zum Sturm gegen sein Werk beigetragen.

Heute kein Aufreger mehr

Im heutigen Berlin taugt das Stück allein nicht mehr zum Aufreger. Vielleicht entschied sich Regisseur Nurkan Erpulat deswegen, es als doppelt und dreifach überkarikierte Posse zu inszenieren. Rings um die Bühne blinken im richtigen Moment die Showbiz-Lichter und im plüschigen Flokati liegt mit endloslanger Schnur stets ein Mikro für spontane Gesangseinlagen („Teach me Tiger“, „Nature Boy“, „Who am I anyway?“) bereit. Eben diese Schnur wird Kauz Kemp zum Verhängnis, als Sloane ihn damit erdrosselt und Thomas Wodianka im Anschluss einen virtuos-theatralisch sich hinziehenden Bühnentod stirbt, nicht ohne dabei Queens „The Show must go on“ zu schmettern (Musik: Tilman Ritter).

Die Geschwister tragen es mit Fassung. „Was ist ein Verbrechen, wenn man den Mörder begehrt?“, steht’s auch im Programmheft geschrieben. Eine Antwort auf diese Frage wäre das gewesen, was dem unterhaltsamen Bühnenspektakel die Krone aufgesetzt hätte. Doch leider bleibt sie seltsam unbeantwortet und macht den Abend damit sowohl leicht bekömmlich als auch leicht vergänglich. Große Themen wie Moral, Gender oder Xenophobie werden zwar überdeutlich aber inkonsequent und knapp abgehandelt. Vielleicht wären sie von vornherein in einem anderen Stück besser aufgehoben gewesen? Trotzdem ist Entertaining Mr. Sloane eine tolle „Show“ und allein Thomas Wodiankas Bühnentod den Eintritt wert!

 

 

Be first to comment