Warum liegt hier eigentlich Schutt?

„Ein Europäisches Abendmahl“ bei den Autorentheatertagen Berlin

Der Abend beginnt wie „der Morgen danach“. Katerstimmung hängt bleischwer in der Luft und die Bühne (Martin Zehetgruber) ist ein Zeugnis der Verwüstung. Es mag einmal ein Bankett an diesem Ort gegeben haben, aber jetzt ist es hier apokalyptisch düster. Ein Abendmahl verspricht der Titel, doch die lange Tafel fehlt. Nur einmal kurz wird sie mit strammen Schritten von rechts nach links über die Bühne getragen, um sogleich wieder zu verschwinden. Die umgekippten Stühle sind im Raum verstreut, stecken teils einen halben Meter tief im grau-schwarzen Schutt. Würden Da Vinci und Emmerich gemeinsam einen Alptraum entwerfen – so ähnlich würde er wohl aussehen. Es muss schlimm stehen um Europa.

 

Für „Ein Europäisches Abendmahl“ haben fünf Autorinnen aus fünf Ländern Frauenfiguren geschaffen, die mit ihren Monologen ein multiperspektivisches Bild von Europa zeichnen. Ein „pseudofeministisches Manifest“ sei deshalb trotzdem nicht zu erwarten, beschwichtigt man sicherheitshalber im ATT-Programmheft. Schade eigentlich, doch für den Moment soll der auch im Theater noch seltene female gaze, für den Autorinnen, Schauspielerinnen und Regisseurin hier sorgen, einmal feministisch genug sein.

Manchmal blitzen Perlen auf

Mari, Terézia Moras „Illegale aus dem Hinterhaus“, ist die Erste. Sie bedankt sich beim Publikum freundlich fürs Kommen, nimmt auf einem Stuhl Platz und beginnt zu plaudern. Von Yoga und vom Schrittezählen, von Bettlern vorm Supermarkt, von Sicherheit, Krieg – und von Hamid, dem Flüchtling, der sich eine Frau wie Mari zum Heiraten wünscht. Das alles plätschert unaufgeregt vor sich hin. Nur manchmal blitzen sprachliche Perlen auf, etwa wenn Sätze fallen wie: „Glück ist, wenn man überall hinkann und nirgends hinmuss.“

Die „Frau aus Österreich“ hat Elfriede Jelinek geschaffen. Regisseurin Barbara Frey lässt sie von zwei Frauen verkörpern. Barfuß und im Pelzmantel steigen Sylvie Rohrer und Frida-Lovisa Hamann aus dem Schutt, um mal im Chor, mal einander ergänzend vom „Irrenhaus Europa“ zu berichten. Auch hier stechen einzelne Passagen hervor. Jelineks Wortspiele (flüchten/sich flüchten, das Gerechte/das Gerächte) wirken dennoch seltsam fad.

Das Lachen, entlarvend ernst gemeint

Marusja hingegen bringt Schwung in die Bude. Nicht nur, weil die Autorin Nino Haratischwili die Figur präzise und schmerzhaft ambivalent angelegt hat. Es ist vor allem das Spiel von Maria Happel, das Marusja als Charakter erlebbar macht und damit an diesem Abend die stärkste Wirkung erzielt. Sie ist eine Sympathieträgerin, eine von den „guten“ Migrantinnen, die uns kein Unbehagen bereitet, sondern die wir bereitwillig in unserer Mitte akzeptieren. Der wir eine nützliche Rolle zuweisen können. Marusja putzt – und das mit ungeheurem Eifer. „Wenn ich Dinge kann, die kein anderer kann, wird mein Gastland es mir danken“, sagt sie und rattert behördendeutsche Wortungetüme herunter. „Nix kriegt Flecken so gut raus wie Marusja.“ Sie ist drollig, beredt und unterhaltsam. Was sie aber auch ist: zerfressen von Neid. Auf die Geflüchteten, in deren Unterkunft sie sauber macht und die in ihren Augen all das hinterher geschmissen bekommen, wofür sie so hart gekämpft hat.

Marusja redet sich in Rage: „Bei ihren Frauen springt zweimal im Monat das Ei.“ Inzwischen tut es weh, ihr zuzuhören, doch ein paar Zuschauer lachen noch immer. Nach peinlicher Berührtheit klingt das Lachen nicht. Es klingt entlarvend ernst gemeint. Und da ist es wieder, dieses Wahrheitsmoment in der Fiktion, das nirgendwo so treffsicher zu Tage tritt, wie im Theater.

Schließlich sind Darja und Mary an der Reihe. Ihre Situationen könnten unterschiedlicher nicht sein und doch eint die beiden Frauen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, was sie gewissermaßen zum Sinnbild Europas macht. Die eine ist Ukrainerin, arm aber reich an Eizellen. Die andere eine „arrogante Engländerin“, die Trost in der Selbsthilfegruppe für ungewollt Kinderlose sucht. Eine Eizellenspende soll beiden zur Erfüllung ihrer Wünsche dienen. Wir erleben Darjas Bewerbungsgespräch bei „der Agentur“, das einer Inquisition nicht unähnlich ist, und lauschen Marys Geschichte. Jede für sich sitzen sie nebeneinander auf der Bühne, ganz nah und doch so fern. Auch Sofi Oskanens Episode vermag eine schmerzhafte Wahrheit zu erzählen. So offenbart sie doch, wie das System Europa funktioniert und welche elementare Bedeutung klassisch-kapitalistischen Hierarchien dabei zukommt.

Nicht perfekt, aber es wird schon gehen

In Wien würde nun noch Jenny Erpenbecks „Frau im Bikini“ folgen, in Berlin jedoch fehlt dieser Teil.

Am Ende dann nehmen die Frauen doch noch gemeinsam Platz an dem provisorisch zur Tafel aufgebockten Tapeziertisch und reichen einen Flachmann herum. Ein hoffnungsvolle Botschaft ist das: Zwar nicht perfekt, aber es wird schon gehen.

Trotz vor allem sprachlicher und schauspielerischer Stärken bleibt der Abend insgesamt hinter seinen Möglichkeiten zurück, was vielleicht an der etwas mutlosen Regie liegt. Zu oft perlen die Texte am Publikum ab und versanden.

Beitragsbild: Georg Soulek/Burgtheater Wien

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