6 Thesen zur Theaterkritik im digitalen Zeitalter

  1. Die Digitalisierung führt zu einem gesellschaftlichen Wandel, wie wir ihn zuletzt mit der Erfindung der Druckerpresse erlebt haben. Die digitalen Netzwerkmedien ermöglichen eine neuartige Form der Kommunikation und durchbrechen damit tradierte Strukturen. So werden nicht nur Machtgefüge neu zusammen gesetzt sondern auch wissenschaftliche Grenzziehungen und Definitionen obsolet. Am folgenreichsten ist dabei der mühelose Wechsel von der Rezipienten- in die Kommunikatorrolle. Aus dem passiv rezipierenden wird der aktiv produzierende Kunde, Leser, Zuschauer oder Nutzer. Die Rolle des Kommunikators entwickelt sich zum Provider.
  2. Die Tageszeitung, der Stammplatz der Theaterkritik, ist das am stärksten von den Folgen der Digitalisierung betroffene Massenmedium. Als traditionelles Push-Medium versucht die Zeitung ihre Inhalte auf ein Massenpublikum zu „drücken“. Leser sowie Werbekunden wandern jedoch verstärkt ins Internet ab. Dieses hingegen ist ein Pull-Medium, das dem Leser die individualisierten Inhalte bietet, die er sucht. Zu diesen Inhalten zählen neben professionell-journalistischen auch partizipative Angebote, die die Leistungen des redaktionell organisierten, institutionellen Journalismus zum Teil substituieren können.
  3. Das Internet integriert nicht nur verschiedene Medien- und Kommunikationstypen sondern auch verschiedene Öffentlichkeiten. Die Theaterszene ist eine dieser Öffentlichkeiten. Sie koexistiert mit vielen weiteren Teilöffentlichkeiten. Anders als in den herkömmlichen Massenmedien stehen diese Öffentlichkeiten jedoch nicht in Konkurrenz zueinander, sondern jede hat ihren Raum und kann von Interessenten gefunden werden. Im Web verschwimmen die Grenzen zwischen der sog. U- und E-Kultur weiter. Dies führt zu einer Egalisierung der Werke und einer Demokratisierung der Rezipienten. Es etabliert sich eine Pull-Kultur.
  4. Der Leser ist mündiger geworden. Er möchte nicht belehrt werden und schätzt einen Meinungspluralismus. Expertise ist auch im Web nicht hinfällig geworden, aber die Stimme des Experten ist nur eine von vielen (Polyphonie statt Autokratismus).
  5. Ein zukunftsfähiger Kulturjournalismus ist flexibel und bietet nicht nur qualitativ hochwertige Beiträge, sondern auch Raum für die Anschlusskommunikation und eigene Beiträge des Publikums. Die Theaterkritik als solche wird sich vermutlich weiter ausdifferenzieren, um den verschiedenen Anforderungen an sie gerecht werden zu können. Eine personalisierte Zeitung ist denkbar, die nur die Texte enthält, die den Leser interessieren. Eine solche Zeitung wird jedoch nicht aus Papier bestehen können, sehr wohl aber aus Bits.
  6. Die massenmediale Präsenz von Theaterthemen schwindet zusehends. Dafür finden in den digitalen Netzwerkmedien bereits zahlreiche Gespräche über Theater statt. Sowohl unter kulturpolitischen als auch unter absatzpolitischen Gesichtspunkten ist den Theatern zu raten, sich an diesen Gesprächen aktiv zu beteiligen. Am besten gelingt dies über ein strategisches Content Marketing. Um dieses erfolgreich durchführen zu können, empfiehlt sich die Etablierung eines News Rooms mit dem neue Berufsrollen einhergehen, die in den traditionellen Kommunikationsabteilungen nicht existieren. In Zukunft könnte eine zufriedene, engagierte Community den Fortbestand der Theater sichern. Private wie öffentliche Angebote müssen sich auf einem sog. Käufermarkt behaupten. Der Legitimationsdruck auf subventionierte Häuser wächst.
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