Game Changer Digitalisierung

Internet und digitale Medien revolutionieren die Kommunikation und den Journalismus. Die Digitalisierung ist ein echter Game Changer, der nicht nur die vermeintlichen Gesetzmäßigkeiten der Kommunikationswissenschaft sondern auch die Geschäfts- und Kommunikationsmodelle des Journalismus gehörig auf den Kopf stellt. Was aber ist das Besondere an der Digitalisierung? Worin besteht ihr revolutionäres Potential? — Eine Zusammenfassung:

Mit der Erfindung des Internets und der digitalen Medien ist das Wirklichkeit geworden, was noch zu Zeiten Bertolt Brechts utopisch war. In seiner Rede „Der Rundfunk als Kommunikationsapparat“ machte er in den 1930er Jahren einen Vorschlag zur Umfunktionierung des Rundfunks von einem reinen Distributionsapparat zu einem Kommunikationsapparat:

Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen (…). Brecht, Bertolt (1967: 129)

Den Rezipienten sprechen machen und ihn in Beziehung setzen – genau dies ermöglichen Internet und digitale Medien.

Digitale Medien bestehen im Gegensatz zu analogen Medien nicht etwa aus Papier oder Antennensignalen, sondern aus Bits. Die Speicherung und Bearbeitung vor allem aber die Verbreitung von Inhalten ist damit so leicht, wie nie zuvor. Das ultimative digitale Medium ist das World Wide Web. Es ist ein konvergentes Medium und als solches vollbringt es verschiedenste Integrationsleistungen, die Wissenschaft und Praxis zu schaffen machen.

Das Web ist multimedial, versammelt also Funktionen und Leistungen verschiedener Einzelmedien wie der Zeitung oder dem Fernsehen an einem Ort. Durch seine hypertextuelle Struktur verläuft die Mediennutzung nicht mehr linear sondern netzartig, teilweise sogar synchron über mehrere Anbieter und in Echtzeit.

Die Grenzen verschwimmen

Die Digitalisierung ändert die Spielregeln des Journalismus und der Kommunikationswissenschaft. (Foto: PixelAnarchy/pixabay.com)

Die Digitalisierung ändert die Spielregeln des Journalismus und der Kommunikationswissenschaft. (Foto: PixelAnarchy/pixabay.com)

Neben den verschiedenen Medientypen integriert es vormals separate Kommunikationstypen. Es kann nicht mehr ohne weiteres zwischen interpersonaler und Massenkommunikation unterschieden werden. Nicht nur ist zu jeder Zeit ein fließender Wechsel zwischen beiden möglich, sondern verschwimmen sogar die definitorischen Grenzen. Gleiches gilt für Kategorien wie öffentlich oder privat. Die Ansprache selbst großer Gruppen erfolgt nicht mehr einseitig. Gruppen können im Kollektiv organisiert oder als Individuen Feedback geben bzw. von vornherein als Sender in Erscheinung treten, worauf sowohl professionalisierte Medien als auch Individuen wiederum Bezug nehmen können. Die Unterscheidung von Kommunikator und Rezipient wird obsolet. Wortneuschöpfungen wie Prosumer bzw. Prosument (Produzent + Konsument) setzen sich durch und verdeutlichen den Wandel vom passiv rezipierenden zum aktiv produzierenden Kunden, Leser, Zuschauer oder Nutzer.

Nicht Informationen werden bereitgestellt, sondern vielmehr miteinander konkurrierende Möglichkeiten der Information angeboten, weshalb weniger vom Kommunikator denn vom Provider die Rede sein kann. Der User bezieht seine Inhalte direkt aufgrund individueller Bedürfnisse, was einen Wandel von der Push- zur Pull-Kommunikation bedeutet. Sprach- und Schriftkultur vermischen sich und journalistische Gesetzmäßigkeiten werden ausgehebelt. So kann von Gatekeeping keine Rede mehr sein, allenfalls vom nachträglichen Gatewatching. Journalistische Strukturen von Inhalt wie z.B. Artikel, Sendung oder Beitrag lösen sich auf und somit der Content vom Medium ab. Inhalte sind unabhängig von Raum und Zeit oder gar publizistischer Periodizität jederzeit verfügbar, werden stetig aktualisiert.

Ungeahnte Reichweiten

Dem traditionellen Journalismus werden partizipative und technisierte Äquivalente an die Seite gestellt. Alles in allem stellt das die Definition von Journalismus und publizistischem Medium in Frage. Ein Tweet kann plötzlich von enormer journalistischer Relevanz sein. Des weiteren integriert das Internet verschiedene Ebenen von Öffentlichkeit. Themen aus vermeintlichen Special Interest-Nischen können frei von jeglicher Gesetzmäßigkeit ungeahnte Reichweiten erreichen und das ohne professionalisierte Vermittler wie Journalisten oder PR-Leute. Der Einfluss dieser Vermittler darauf, was wie lange Aufmerksamkeit erhält, reduziert sich drastisch. Letztlich müssen sich die Massenmedien von der Grundlage ihrer Geschäfts- und Kommunikationsmodelle verabschieden: Es gibt keine Massen mehr, sondern eine Vielzahl von Individuen, die als solche adressiert und gehört werden wollen.

Zitat:

Brecht, Bertolt: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. In: ders.: Gesammelte Werke, Bd. 18, Schriften zur Literatur und Kunst, Bd. 1, Frankfurt (a.M.), S. 127ff.

 

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