„Geh nicht durch den Wald!“

Aber warum eigentlich nicht? Von der politischen Kraft des Theaters

Die Suche nach politischer Information ist mitunter ein schwieriges Unterfangen. Im medialen Rat-Race um den nächsten Scoop, zwischen Lügenpresse-Rufen und tatsächlichen Fake-News kann man schnell die Orientierung verlieren. Ich begebe mich daher gern in eine Echokammer der besonderen Art: ins Theater.

Als ich klein war, ermahnte meine Mutter mich stets, auf dem Weg zur Schule nicht durch den Wald zu gehen. Besser sollte ich einen Umweg über die Hauptstraße nehmen. Der Wald war Sinnbild für eine ernste Gefahr: „geklaut“ zu werden. Die Idee, es gäbe Orte und Situationen, die nichts für Mädchen und Frauen seien, hielt ich fortan für eine Tatsache. Damit bin ich nicht allein.

Frau allein im Wald

Eine Frau allein im Wald: Narrativ mit bekanntem Ausgang?

Generationen von Müttern geben ihren Töchtern ähnliche Warnungen mit auf den Weg. Mädchen wachsen auf in dem Bewusstsein, dass ihre weiblichen Körper stets einer latenten Bedrohung ausgesetzt sind und dass es sich zu schützen gilt. So ist es nun einmal, so will es das Naturgesetz. Bedeutet im Umkehrschluss: Wer doch den Weg durch den Wald nimmt, einen kurzen Rock trägt oder beim Feiern Alkohol trinkt, braucht sich nicht zu wundern, wenn etwas passiert.

Das Politische im Privaten erkennen

Die US-amerikanische Feministin Kate Millett prägte den Ausspruch „Das Private ist politisch“, der zum Slogan der Frauenbewegungen in den 1970er Jahren wurde. Er beschreibt die befreiende Erkenntnis vieler Frauen, dass ihre persönlichen Erfahrungen Teil eines größeren Ganzen sind, gar in gesellschaftlichen Strukturen ihre Ursachen finden – und somit eine politische Dimension haben. Ich glaube, dass erst ein solches Moment der Bewusstwerdung überhaupt zum (politischen) Handeln befähigt.

Hier kommt das Theater ins Spiel. Es kann helfen, das Politische im Privaten zu erkennen. Ein Beispiel: In der Inszenierung Stören am Berliner Gorki-Theater greift die Regisseurin Suna Gürler unter anderem das Wald-Narrativ auf: Eine junge Frau schildert, wie sie per Mitfahrgelegenheit mit einem älteren Mann nach Berlin fährt. Unterwegs fragt er sie, ob sie nicht Lust habe, mit ihm einen Waldspaziergang zu machen…

„Wie kommt es, dass wir meinen, das Ende der Geschichte zu kennen?“, heißt es in der Stückbeschreibung. „Was ist das für ein Narrativ, das davon ausgeht, dass man als Frau vergewaltigt, belästigt, begrapscht wird? (…) Ist es unaufhaltsam, das alte Spiel? Man hat einen Körper und das Leben ist so oder man hat einen anderen Körper und das Leben ist anders, arrangier dich bitte damit.“ Gürler konfrontiert das Publikum mit gängigen Gedankenmustern und fragt sinngemäß: „Ok. But why?“

Die besondere Kraft des Theaters

Heute dürfen Frauen wählen, abtreiben, Auto fahren, studieren und das Land regieren. Feminismus? „Ach komm, reicht doch jetzt auch mal“, denken nicht nur viele Männer, sondern auch Frauen. Vielleicht, weil sie vermeintliche Naturgesetze wie die Sache mit dem Wald noch nie hinterfragt haben? Weil sie noch nie auf die Idee gekommen sind, dass darin eine politische Dimension liegt? Dass all das etwas aussagt über Männer- und Frauenbilder in unserer Gesellschaft?

Informationen im Sinne von Antworten gibt es nicht erst seit der digitalen Revolution im Überfluss. Aber sie sind heute so schnell, zahlreich und auf so vielen verschiedenen Kanälen zu haben, dass die Orientierung schwer fällt. (Von „alternativen Fakten“ und Fake-News soll hier erst gar nicht die Rede sein.) Das Theater hingegen zeichnet sich durch eine besondere Kraft aus: die richtigen Fragen zu stellen. So, wie es auch die Regisseurin Gürler am Gorki tut.

Mehr noch: Das Theater stellt Identifikation her – über die Distanz. Obschon es längst im postdramatischen Zeitalter angekommen ist, umweht das Theater noch immer die beruhigende Konvention: „Keine Sorge, das ist nicht echt. Alles nur Schauspiel und Fiktion.“ Dramatische Mittel wie Überspitzung oder Comic Relief tun ihr Übriges. Einmal eingelassen auf die Handlung, beginnt das Publikum jedoch Motive und Emotionen der Figuren mit- und nachzuerleben. Im besten Falle erkennt es die Wahrheit innerhalb der Fiktion, erkennt es eigene Konflikte und die der Mitmenschen im Schauspiel.

Im schönsten, wahrsten Sinne informiert

Während (Massen-)Medien und Politik in rasendem Tempo und ständigem Wechsel Einfluss aufeinander nehmen, hat das Theater den Luxus, innehalten und reflektieren zu können – und mit ihm sein Publikum. Manchmal passiert dann etwas Wunderbares: Mit voller Wucht trifft uns im Mikrokosmos Theater eben jenes geschilderte Moment der Bewusstwerdung. Dann schauen wir mit anderen Augen auf die Welt um uns herum und sind im schönsten, wahrsten Sinne informiert.

Daraus einen politischen Auftrag an die Theater abzuleiten, halte ich jedoch für gefährlich. Nicht nur, weil gerade die subventionierte Kunst nie ganz unabhängig von Regierungsverhältnissen ist. Sondern, weil dann schnell die Schwelle zu einem politischen Tendenztheater erreicht ist, das anstatt Fragen zu stellen, bloß Antworten liefert. Und wer dies tut, erreicht doch nur diejenigen, die diese Antworten bereits für ihre Wahrheiten halten, oder?


Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Magazinprojekts „Information–Desinformation“ der Klasse Visuelle Systeme der UdK Berlin.

Beitragsbild: unsplash.com

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