Der Gorki-Effekt

Manchmal, wenn ein Theaterstück zu Ende ist, habe ich so ein Gefühl… Ich bin dann ganz ruhig, völlig im Moment versunken und spüre nach, was da eben mit mir passiert ist. Mit meinem Körper. Meiner Seele. Ich will dann das Theater gar nicht mehr verlassen. Will am liebsten noch stundenlang auf meinem Platz sitzen bleiben und bin in jeden einzelnen Schauspieler und jede einzelne Schauspielerin ein bisschen verliebt. Mein Herz ist dann ganz weit geöffnet. Wenn ich danach zur U-Bahn laufe, gehe ich langsamer als sonst. So als hätte ich alle Zeit der Welt. Ich sehe dann alles ein bisschen klarer. Spüre alles ein bisschen deutlicher, sogar die Luft an meinen Fingerspitzen. Ich nenne das den Gorki-Effekt.

Ich erlebte diesen Effekt nach „Der Russe ist einer der Birken liebt“, nach „Angst essen Seele auf“, aber vor allem nach „Common Ground.“ Als ich dieses Stück im Rahmen des Berliner Theatertreffens sah, hätte ich am liebsten Blumen geschmissen, Loblieder geschrieben und große goldene Preise verliehen. Es handelt vom Jugoslawienkrieg in den 90er Jahren. Dieser Konflikt ist so komplex, dass man ihn nicht an einem Theaterabend erzählen, geschweige denn erfassen kann. Deswegen hat Regisseurin Yael Ronen es gar nicht erst versucht. Sie nähert sich dem Thema vielmehr über die verschiedenen Narrative der Schauspieler*innen, mit denen sie in „Common Ground“ zusammenarbeitet. Gemeinsam mit einem Deutschen, einer Israelin und fünf Ex-Jugoslaw*innen aus unterschiedlichen Teilen des Landes ist sie nach Bosnien gereist. Gemeinsam schrieben und entwickelten sie daraufhin das Stück.

Schattenboxkampf gegen sich selbst

Da sind zum Beispiel Jasmina und Mateja, zwei junge Frauen, die sich erst beim Vorsprechen für „Common Ground“ kennen lernten. Sie stammen aus demselben Ort. Sie beide haben eine Last zu tragen: Jasminas Vater ließ in eben jenem Konzentrationslager sein Leben, in dem Matejas Vater als Aufseher arbeitete. Auf der Bühne spielen sie sich gegenseitig und verleihen dem Begriff „Perspektivwechsel“ damit eine ungekannte Dimension. Da ist auch Aleksandar, den Gewissensbisse plagen, weil er im sicheren Deutschland aufwachsen durfte, während in Serbien seine Familie „zerbombt“ wurde. Sein Monolog, dieser Schattenboxkampf gegen sich selbst, ist die bewegendste, die stärkste Szene des Abends. Zu den magischen Momenten des Theaters gehöre es, sagt Yael Ronen, wenn die Grenze zwischen Kunst und echter Emotion so dünn werde, dass man sie nicht mehr erkennen könne. Bei „Common Ground“ gab es diese Grenze nie. Da kann man echte Wunden heilen sehen.

Ist das das Geheimnis des Gorki-Effekts? Auch. Vor allem aber versteht man es an diesem Haus, das Politische über das Persönliche zu reflektieren. Zu lehren, ohne didaktisch zu sein. Ronen ist ohnehin eine Meisterin darin. Aber auch Hakan Savaş Mican gelang das mit seiner Inszenierung des Fassbinder-Klassikers „Angst essen Seele auf“. Wenn darin ein Taner Şahintürk verzweifelt – vielleicht auf der Suche nach dem Geschmack der Heimat – in eine Orange nach der anderen beißt, dass es nur so spritzt, dann bringt das zum Ausdruck, was sich nicht sagen lässt. Doch bei aller Schwere ist im Gorki stets Platz für Leichtigkeit. In „Common Ground“ etwa sind es Niels Bormann und Orit Nahmias, die für den bitter nötigen comic relief sorgen. Die uns helfen, uns zu öffnen, aber auch Distanz zu wahren.

Noch etwas gehört zum Gorki-Effekt. Man hat an diesem kleinsten der Berliner Staatstheater das Publikum wiederentdeckt. Alles was die da oben machen, hat etwas mit uns im Zuschauerraum zu tun, macht etwas mit uns. Es fordert, es lehrt, es macht Spaß. Ganz ohne Dogmen.

Ich bin süchtig nach dem Gorki-Effekt. Seid ihr es auch?

 

Beitragsbild: unsplash.com/Ryan Jacques

 

 

 

 

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