Was habe ich da bekommen?

Da sitze ich nun an meinem Schreibtisch und fühle mich wie eine Hochstaplerin. Eine Kritik über „Die Schutzbefohlenen“ soll ich schreiben, jenes Stück mit dem am Freitag das 52. Berliner Theatertreffen eröffnet wurde, und weiß einfach nicht wie. Ganz fachfremd bin ich nicht. Und doch: ein Profi auch nicht. Was bin ich? Eine Zuschauerin. So viel kann ich mit Sicherheit sagen. Und als solche werde ich die nun folgenden Zeilen schreiben.

Ich habe einen großen Theaterabend erwartet und bin nun – rund 24 Stunden später – noch immer nicht sicher, ob ich diesen auch bekommen habe. Seltsam ist das, was ich da gesehen habe. Theater irgendwie, aber irgendwie auch nicht. In erster Linie ist „Die Schutzbefohlenen“ so etwas wie ein Wutausbruch der österreichischen Autorin Elfriede Jelinek. Darin führt sie uns an Orte der Schande: Nach Lampedusa, jenes winzige Fleckchen im Mittelmeer, das durch seine Hauptrolle im aktuellen Flüchtlingsdrama traurige Berühmtheit erlangte. Aber auch nach Wien, nach Hamburg und nach Berlin. Sie kritisiert die Asylpolitik des wohlhabenden Europas. Unseres Europas. Doch, darf die das eigentlich? Mit welcher Berechtigung schreibt so eine wie Elfriede Jelinek einen solchen Text? Und mit welcher Berechtigung inszeniert einer wie Nicolas Stemann ihn auf der Bühne? Dürfen die einen für die anderen sprechen? Dies schien die Frage zu sein, die über diesem Abend schwebte.

Das Gefühl des Unbehagens

Vielleicht um dieser Frage auszuweichen, vielleicht aber auch, um sie immer wieder zu stellen, standen dort neben den Schauspielern auch echte Flüchtlinge auf der Bühne, drängten sich rein, platzten dazwischen, beanspruchten Raum für sich und ihre Geschichten. Sie sollten Stemanns Inszenierung vermutlich Authentizität verleihen und unterstrichen gerade dadurch ihren artifiziellen Charakter. Das war irritierend und in dieser Hinsicht fürwahr bemerkenswert. Die Inszenierung lebte vom steten „Ihr gegen Wir“, spielte mit Vorurteilen und Ängsten. War mal Satire, mal Klamauk und sehr selten leider nur bewegend.

Was sie geschafft hat war es, mir ein Gefühl des Unbehagens zu bereiten. Na klar fühlen wir uns als Angehörige eben jenes Systems, das die Zäune immer höher zu ziehen scheint, angesprochen. Na klar fühlen wir uns ertappt. Doch: Was machen wir jetzt bloß damit? Noch immer bin ich ratlos. Kann nicht in Kategorien von „gut“ oder „schlecht“ über diesen Abend schreiben. Eigentlich habe ich ja auch gar keine Ahnung. Eigentlich bin ich ja auch für all diese Gespräche über Theater zu jung. Habe viel zu vieles nicht gesehen. Habe viel zu viele große Theatermacher nicht mehr kennen gelernt. Aber dennoch habe ich ein Gefühl. Nämlich, dass es bei dieser Eröffnung des Theatertreffens vor allem um zwei Namen ging. Dass aber sowohl der Text als auch die Inszenierung Schwächen hatten. Trotzdem war der Abend wichtig, weil sein Thema wichtig ist. Er war vielleicht nicht der große Theaterabend, den ich erwartet hatte. Aber er war ein Statement. Eines, das wahrgenommen wurde. Und hat damit vermutlich Berechtigung genug.

 

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