Verdammter Kritiker

In seinem jüngsten Artikel „Verdammte Kamera“ rechnet der renommierte Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier in der FAZ auf höchst giftige Weise mit dem Vorstoß des Kulturstaatssekretärs Renner ab, Theaterpremieren per Livestream zu übertragen. Der Text ist die Polemik eines Mannes, der die Welt nicht mehr versteht. Eine Gegenpolemik.

Lieber Herr Stadelmaier,

ob Sie es glauben oder nicht: Ich bin einer dieser jungen Menschen unter dreißig, die gerne Zeitung lesen. Bis vor Kurzem, da hatte ich sogar ein Abo. Und wissen Sie welchen Teil der Zeitung ich am liebsten mochte? Welchen Teil der Zeitung ich mir stets als erstes griff? Doch, ganz recht! Das Feuilleton! Und da ich leidenschaftlich gerne ins Theater gehe (kein Witz!), las ich sogar zuallererst die Theaterkritiken darin, sofern denn welche zu finden waren. Doch diese Liebschaft mit dem Feuilleton, ach ich weiß auch nicht. Die ist irgendwie zu Ende.

Schuld daran ist vermutlich das, was mit „Feuilletonismus“ ganz passabel bezeichnet wäre. In Michael Hallers „Die Kultur der Medien“ finden sich zu diesem Begriff einige interessante Zeilen: Der Einzug des sozialkritischen Essays ins Feuilleton des 20. Jahrhunderts, den Haller vornehmlich mit der Persona Siegfried Kracauer in Verbindung bringt, sei der Startschuss eines Stils des „belehrenden Intellektualismus“ gewesen, der „(…) die Ursachen von Elend und Krisen aufzeigte, ohne sich der Mühe der Empirie zu unterziehen. Auch diese Attitüde, Überzeugungen als objektive Sachverhalte auszugeben, war Merkmal jenes Feuilletonismus.“

An diese Zeilen musste ich denken, als ich Ihren Artikel mit dem Titel „Verdammte Kamera“ las. Ich hätte ihn gar nicht entdeckt, wissen Sie, wenn nicht einige Menschen in diesem Internet auf einer Plattform namens Twitter (was ungefähr mit „Zwitschern“ oder so ähnlich zu übersetzen wäre) einen Verweis darauf platziert hätten. Ich habe Ihren Artikel gelesen und festgestellt: Er ist intellektuell ermüdend. Es ist genau die Art von Artikel, die ich nicht mehr lesen möchte. Genau die Art von Artikel, derentwegen ich schon länger nicht mehr zum Feuilleton griff.

Kritikerpapst? Ach. Nö.

Kritikerpapst? Ach. Nö. (Foto: Laura Lucas)

Wissen Sie, was ich darin sehe? Ich sehe darin die reaktionäre Polemik eines erschreckten Mannes, der die Welt, in der er lebt, nicht mehr versteht. Sie diskreditieren sich gleich im ersten Absatz, wenn Sie versuchen auf vermeintlich bildungsbürgerlich-charmante Art einen Witz zu reißen, indem Sie eben jenen Witz gerade nicht reißen, sondern sich davon distanzieren. Die Pointe haben Sie, das soll der Leser wissen, freilich selbst bereits erkannt, aber sie tatsächlich zu bringen, nein, das gehört sich für einen Theaterkritiker Ihres Schlags natürlich nicht. Was dann folgt ist im schönsten Haller’schen Sinne Ihre platte Attitüde, persönliche Überzeugungen als objektive Sachverhalte auszugeben. Wieso genau kommt das Streamen von Premieren der Zerstörung des Theaters gleich? Sie mögen zwar Recht damit haben, dass eine Kamera den Blick des Betrachters lenkt. Doch wann und wo genau wurde noch gleich behauptet, dass Theater von nun an ausschließlich abgefilmt und kostenfrei zu genießen sei, und der Untergang des Abendlandes damit bereits unmittelbar bevorstünde?

Wissen Sie wessen Blick gelenkt ist? Es ist der Ihre. Es ist der Blick eines Mannes, der glaubt alles zu wissen, bloß weil er viel gesehen hat. Es ist der Blick eines Mannes, der glaubt, entscheiden zu dürfen, was beachtenswerte Kultur sei und was nicht. Ich habe aber gar keine Lust Ihren Blick zu meinem zu machen. Ich lenke meinen Blick gern selbst – auch gegen den Willen des Zeitungskritikers.

Die Leistung des Kulturjournalismus kann nicht darin bestehen, dass große Namen von hohen Richterstühlen hohle Phrasen dreschen (was haben Sie nur immer mit Ihrem Handschweiß?). Sie besteht vielmehr „(…) darin, mit Formen zu arbeiten, die die Kultur der Gegenwart nicht verlassen wollen, sondern sich auf sie einlassen, um sie in Bewegung zu halten.“ Diese Worte stammen von Prof. Stephan Porombka, der nicht nur unfassbar klug sondern auch im Internet ist. Sie sollen „(…) davor schützen, immer dann, wenn die Formate sich verändern, nur Verfall und Niedergang zu beklagen.“

Wir alle können nur vermuten, was passiert, wenn sich die Theater neuen Formaten öffnen. Den Versuch ist es allemal wert. Vielleicht entsteht ja sogar etwas, was noch größer und genialer ist, als alles je Dagewesene? Ein Theater, das den Wandel mitgestaltet, finde ich jedenfalls weitaus interessanter und relevanter, als eines, das ihn nur beklagt.

Literatur:
Haller, Michael: Die Kultur der Medien. Untersuchungen zum Rollen- und Funktionswandel des Kulturjournalismus in der Mediengesellschaft, Lit Verlag, Münster, 2002. (S. 14)

Porombka, Stephan: Ein kurzes Briefing zum Kulturjournalismus. In: Journalistik Journal (online).

 

 

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